Krankheiten und die Kriebelmücke

In Deutschland, Österreich und der Schweiz übertragen Kriebelmücken nach derzeitigem Wissen keine relevanten Krankheiten auf den Menschen. Die häufigste Komplikation bleibt die bakterielle Sekundärinfektion durch Aufkratzen. Tropische Arten sind dagegen Vektor der Flussblindheit (Onchozerkose) - ein Risiko ausschließlich für Tropenreisende.

1. Wissenschaftlicher Sachstand

Das Umweltbundesamt formuliert es so: Kriebelmücken sind grundsätzlich dazu in der Lage, beim Beißen Erreger zu übertragen - "dies betrifft aber keine in Deutschland relevanten Erreger"[1]. Auch das Robert Koch-Institut bewertet die Rolle der heimischen Simuliidae als humanmedizinisch vernachlässigbar.

Wichtige Differenzierung:

2. West-Nil-Virus - die häufigste Frage

Das West-Nil-Virus ist seit 2019 in Deutschland nachweisbar, mit ersten autochthonen Übertragungen auf den Menschen. Übertrager sind aber Stechmücken, vor allem aus der Gattung Culex, nicht Kriebelmücken. Das RKI listet für West-Nil ausschließlich Stechmücken-Vektoren. Wer einen Kriebelmückenbiss hatte, muss sich um West-Nil keine Sorgen machen.

3. Onchozerkose - das tropische Problem

In Westafrika, Lateinamerika und Jemen sind bestimmte Kriebelmücken-Arten Überträger des Fadenwurms Onchocerca volvulus. Die Krankheit befällt Haut und Augen, kann unbehandelt zur Erblindung führen und ist nach WHO-Schätzungen für etwa 1,15 Millionen Menschen mit visueller Beeinträchtigung verantwortlich[2]. Bekämpft wird sie über Bti-Programme in Fließgewässern und Ivermectin-Massengaben.

Für Tropenreisende, die mehrere Wochen in Endemiegebieten an Wasserläufen verbringen, lohnt sich ein reisemedizinischer Check vor Abreise. Für den Mitteleuropa-Garten kein Thema.

4. Simuliotoxikose

Bei massiven Schwärmen (mehrere hundert Bisse in kurzer Zeit) kann eine systemische toxische Reaktion entstehen: Simuliotoxikose. Symptome reichen von Übelkeit, Erbrechen und Kreislaufschwäche bis zu lebensbedrohlichen Schockzuständen. Beim Vieh in osteuropäischen Risikogebieten dokumentierte Todesfälle, beim Menschen in Mitteleuropa praktisch nicht aufgetreten. Behandlung: stationär mit Antihistaminika, Kortison und Kreislaufstabilisierung.

5. Sekundärinfektionen

Was klinisch tatsächlich vorkommt, ist nicht eine Mückenübertragung, sondern die bakterielle Wundinfektion nach Aufkratzen. Häufige Erreger: Staphylokokken, Streptokokken. Mögliche Komplikationen:

All das ist vermeidbar durch konsequentes Nicht-Kratzen und Wundpflege.

6. Allergie als Krankheit

Bei wiederholtem Kontakt entsteht bei manchen Menschen eine Sensibilisierung auf Kriebelmücken-Speichelproteine. Die Insektengiftallergie kann sich zu massiven lokalen oder selten systemischen Reaktionen entwickeln. Wer beobachtet, dass die Reaktionen über die Jahre stärker werden, sollte einen Allergologen aufsuchen - eine Hyposensibilisierung kann sinnvoll sein.

Häufige Fragen

Kann ich vom Kriebelmückenbiss Hepatitis bekommen?

Nein. Hepatitis-Viren werden nicht durch Insekten übertragen.

Übertragen Kriebelmücken Borreliose?

Nein. Borreliose wird durch Zecken übertragen.

Was ist mit dem Usutu-Virus?

Usutu wird ebenfalls von Stechmücken übertragen, nicht von Kriebelmücken.

Können Kriebelmücken Tetanus übertragen?

Nicht direkt durch den Biss. Wundinfektionen mit Clostridien können aber bei aufgekratzten Bissen vorkommen - Impfstatus prüfen.

Quellen

  1. Umweltbundesamt: Kriebelmücken in Deutschland. umweltbundesamt.de
  2. WHO: Onchocerciasis (Flussblindheit). who.int
  3. Robert Koch-Institut: Vektor-übertragene Erkrankungen in Deutschland. rki.de
  4. Friedrich-Loeffler-Institut: Vektorforschung, Simuliotoxikose, Tierseuchen. fli.de
  5. Centrum für Reisemedizin: Reisemedizinische Empfehlungen. crm.de
  6. Klima-Warnsignale (Uni Hamburg): Vektor-übertragene Erkrankungen und Klimawandel. klima-warnsignale.uni-hamburg.de
  7. Molekulares Screening europäischer Simuliidae (2024-2025): Pathogene in Blackflies. pmc.ncbi.nlm.nih.gov