Kriebelmücken und Pferde
Pferde leiden im Sommer unter blutsaugenden Mücken - typische Folge ist das Sommerekzem (Insect Bite Hypersensitivity, IBH), eine allergische Hautentzündung. Hauptauslöser sind nach aktuellem Forschungsstand Gnitzen (Culicoides spp.), nicht Kriebelmücken - diese können das Geschehen aber als Ko-Faktoren verstärken. Bester Schutz: Ekzemerdecke, zugelassenes Repellent und kluges Stallmanagement in den Hauptschwärmphasen.
1. Sommerekzem - Hauptauslöser klären
Sommerekzem (engl. Insect Bite Hypersensitivity, IBH) ist eine IgE-vermittelte allergische Dermatitis vom Soforttyp, ausgelöst durch Speichelproteine blutsaugender Mücken[1]. Die Forschung ist mittlerweile deutlich:
- Hauptauslöser sind Gnitzen (Familie Ceratopogonidae, Gattung Culicoides). Sie sind verantwortlich für die typische Mähnen- und Schweifkamm-Symptomatik.
- Kriebelmücken können als zusätzliche Trigger wirken - vor allem an Bauchnaht und Beinen, wo sie ihre Bisse bevorzugen.
- Beide Mückenfamilien werden klinisch oft "in einem Topf" wahrgenommen, weil sie zeitlich und symptomatisch ähnlich auftreten.
Genetisch besonders anfällig sind Islandpferde (rund ein Drittel der nach Mitteleuropa importierten Tiere reagiert), Tinker, Friesen und viele Robustpferde-Rassen[2]. Bei Warmblütern und Vollblütern tritt das Sommerekzem deutlich seltener auf.
2. Sommerekzem erkennen
- Starker Juckreiz, das Pferd scheuert sich an Boxenwand, Pfosten, Bäumen
- Haarverlust an Mähnenkamm, Schweifrübe und Bauchnaht
- Krusten, Schuppen, blutige Stellen durch Scheuern
- Verdickte, lederartige Haut in chronischen Fällen
- Unruhe und Stress in den Schwärmphasen
Sommerekzem ist nicht heilbar, nur behandelbar. Wer einmal ein betroffenes Pferd hatte, muss jedes Jahr ab Anfang Mai aktiv schützen.
3. Drei Säulen für effektiven Pferde-Schutz
3.1 Ekzemerdecke
Eine eng anliegende, atmungsaktive Decke aus feinmaschigem Gewebe schützt den größten Teil des Körpers. Worauf achten:
- Halsteil und Bauchlatz obligatorisch - Kriebelmücken stechen genau dort am liebsten
- Atmungsaktives Material, damit das Pferd nicht überhitzt
- Verstärkungen an Mähnen- und Schweifkamm bei stark betroffenen Tieren
- Decken müssen täglich auf Schäden geprüft werden
Produktempfehlung in Vorbereitung. Konkrete Ekzemerdecke-Modelle ergänzen wir hier mit Testberichten.
3.2 Repellent speziell für Pferde
Auf den ungedeckten Körperpartien (Kopf, Ohren, Beine) wird ein zugelassenes Pferde-Repellent aufgetragen. Wirkstoffe wie Icaridin, Geraniol und permethrinhaltige Sprays sind gängig. Wichtig: nur Produkte verwenden, die für Pferde freigegeben sind - human-Repellent ist nicht automatisch tiergeeignet.
3.3 Stallzeit und Tagesplanung
- In den Hauptschwärmphasen (10-12 und 17-20 Uhr) im Stall, idealerweise mit Ventilator
- Weidegang am frühen Morgen oder in der Nacht
- Stall mit Fliegengittern an Fenstern und Toren
- UV-Klebefallen im Stall aufstellen (siehe Falle)
- Pferdeweiden mit großem Abstand zu Bachläufen wählen
4. Sommerekzem behandeln, wenn es schon da ist
- Tierarzt einbinden. Cortison-Salben, antiseptische Lösungen, ggf. orale Antihistaminika.
- Wundsalben wie Zinksalbe oder Ekzem-Salben auf offenen Stellen.
- Mähne und Schweif kurz halten - reduziert Scheuerverluste.
- Hyposensibilisierung: bei manchen Pferden mit Allergen-spezifischer Immuntherapie erfolgreich.
5. Was die Forschung sagt
Forschung an Veterinär-Hochschulen und am Friedrich-Loeffler-Institut zeigt drei Entwicklungslinien:
- Allergen-Identifikation: Seit 2021 sind rekombinante Culicoides-Allergene (r-Allergene) verfügbar, die eine präzisere Diagnostik und eine präventive Allergen-spezifische Immuntherapie (ASIT) ermöglichen[3].
- Hyposensibilisierung: Klinische Studien zur ASIT gegen Culicoides-Allergene zeigen Symptom-Reduktion bei einem Teil der Pferde; ein breit zugelassenes Produkt fehlt aber noch (Stand 2026).
- Genetik: Erblichkeit ist gut belegt, Selektion auf weniger anfällige Linien wird bei Zucht-Programmen für Islandpferde diskutiert.
Häufige Fragen
- Sind nicht Kriebelmücken die Haupt-Ursache des Sommerekzems?
So wird es umgangssprachlich oft genannt. Aktuelle Forschung ordnet aber Gnitzen (Culicoides spp.) als primären Auslöser ein. Kriebelmücken können zusätzlich zur Symptomatik beitragen, sind aber nicht alleinverantwortlich. Schutzmaßnahmen wirken in beide Richtungen, daher ändert das praktisch wenig - in der Diagnostik und neueren Immuntherapie aber sehr viel.
- Hilft Knoblauch im Pferdefutter?
Knoblauch in höheren Mengen kann bei Pferden Hämolyse verursachen. In pferdegerechten Dosen wirkt er nicht zuverlässig insektenabweisend.
- Brauche ich eine Ekzemerdecke auch im Winter?
Nein. Sowohl Kriebelmücken als auch Gnitzen sind im Winter inaktiv.
- Kann ich Sommerekzem heilen?
Heilen nicht, aber managen. Konsequente Prophylaxe ab Saisonbeginn macht den größten Unterschied. Neuere r-Allergen-basierte Immuntherapien zeigen erste klinische Erfolge.
- Welche Rassen sind besonders gefährdet?
Islandpferde (etwa ein Drittel der Importtiere reagiert), Tinker, Friesen und viele Robustpferde-Rassen.
- Ist eine UV-Klebefalle im Stall sicher?
Ja, wenn klebebasiert (keine Hochspannungs-Falle). Außerhalb der Reichweite der Pferde an einer dunklen Wand aufhängen.
Quellen
- Schaffartzik et al.: Equine insect bite hypersensitivity - what do we know? Vet Immunol Immunopathol 2012. sciencedirect.com
- van Grevenhof et al.: Genetic parameters of recurrent insect bite hypersensitivity in Icelandic horses.
- Jonsdottir et al.: Recombinant allergens for preventive immunotherapy against IBH. 2021. pmc.ncbi.nlm.nih.gov
- Friedrich-Loeffler-Institut: Vektorforschung. fli.de
- Bundesverband für Tiergesundheit: Empfehlungen zu Insektenrepellents für Pferde. bft-online.de